Versunken und vergessen: Von der Bergung eines Ur-Porsche

Am vergangenen Wochenende haben Taucher der Luzerner Tauchsportgruppe Poseidon einen Porsche 356 aus dem Vierwaldstättersee geborgen. Unter welchen geheimnisvollen Umständen der Porsche-Klassiker an die entlegene Stelle kam, bleibt ein Rätsel.

Auf den Grund gegangen: Porsche Bergung im Vierwaldstättersee

Keine Strasse weit und breit

Die Geschichte mutet mysteriös an: Gegenüber von Weggis stiessen die Taucher bei einem Tauchgang anlässlich des alljährlichen Sicherheitsweekends in Ufernähe kürzlich auf das Wrack eines Porsche 356. So weit so gut. Das Verdächtige daran: An der Stelle befindet sich weit und breit keine Strasse. Über dem Fundort erhebt sich nur eine steile, dicht bewaldete Klippe des Bürgenstocks.

Die Fundstelle des Wracks am Fusse des Bürgenstocks, vis-a-vis von Weggis.

Es ist kaum möglich, dass es sich hierbei um einen Unfall handelt. Das Fahrzeug muss vor Jahren hier entsorgt worden sein.

Meint Roger Huber von Poseidon. Die Tauchgruppe hat viel Erfahrung in der Seebergung von Fahrzeugen. Seit der Gründung im Jahr 1970 waren ihre gut ausgebildeten Mitglieder verantwortlich  für die Bergung von bereits 200 Booten, 40 Autos und sogar einem Flugzeug. Beim Porsche Oldtimer handelt es sich nun allerdings um ein Novum, denn diesmal hat die Gruppe das Bergungsobjekt gleich selber entdeckt.

Die Gründungsmitglieder der Tauchsportgruppe Poseidon im Jahr 1970

 

Spuren eines Kapitalverbrechens?

Mit dem Lastkran ihres Tauchboots Kon-Tiki haben die Taucher das Wrack auch umgehend bergen wollen. Die lange Zusammenarbeit mit der Wasserpolizei lehrte sie allerdings eines Besseren. Der Verdacht, dass mit dem Wrack ein möglicherweise weit zurückliegendes Verbrechen zusammenhängen könnte, hielt sie davon ab. So informierte man zuerst die Polizei und Staatsanwaltschaft über den Fund. Diese hat bald die Bergung freigegeben und so haben die Taucher am Samstag endlich ihrer Leidenschaft nach- und der Sache auf den Grund gehen dürfen.

Aufbruchstimmung auf dem Tauchschiff Kon-Tiki

Als die Bergungstruppe am frühen Samstagmorgen vom Luzerner Alpenquai aus in See sticht, verleihen graue Nebelschwaden dem Vierwaldstättersee eine mystische Stimmung. Passend zum Unternehmen, denn niemand weiss genau, welche Geheimnisse mit dem Porsche an die Oberfläche gehoben werden könnten. Auch ein Kapitalverbrechen ist nicht auszuschliessen, weshalb die Polizei die Bergung sicherheitshalber überwacht. Frank Baumann, Präsident des Porsche 356 Club Schweiz, begleitet mit seiner Lebenspartnerin Andrea Teufer als Sachverständiger die Bergung. Auf der rund 45-minütigen Fahrt zum Fundort berichtet er von der legendären Vergangenheit des Ur-Porsche:

So wie es auf den Unterwasserbildern aussieht, könnte es sich um die sogenannte vor-A Version des 356er handeln. Dies würde auf ein Geburtsjahr um ca. 1952-55 schliessen lassen.

Frank Baumann, Präsident des Porsche 356 Club Schweiz, erzählt von der legendären Vergangenheit des 356er

Der 356er war das erste Serienmodell, welches unter dem Namen Porsche erschien. Erstmals wurde er ab 1948 im kärntnerischen Gmünd produziert, wohin Porsche nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewichen war. In Gmünd wurden die Fahrzeuge in Handarbeit zusammengestellt. Diese Gmünder-Porsches können heute ein Vermögen kosten. 1950 zog Porsche nach Stuttgart, wo die Produktion weitergeführt wurde. Erst im Jahr 1955 kam mit der A-Version die erste von drei Nachfolgeversionen auf den Markt. Beim im Vierwaldstättersee verschollenen 356er handelt es sich gemäss Baumann noch um dessen Vorgänger, eben den vor-A.

Das erkennt man daran, dass der vor-A im Gegensatz zum 356 A einen Knick in der Windschutzscheibe hat. Diese Version kann heute unter Liebhabern schon mal einen Wert von 200‘000 Franken erreichen. Dass es sich beim Wrack um einen noch begehrteren Gmünder 356er handelt, kann ausgeschlossen werden. Dessen Windschutz wurde aus zwei Scheiben gebaut.

Der Porsche 356 vor-A auf dem Grund des Vierwaldstättersees in ca. acht Meter Tiefe

Genaueres kann Baumann allerdings auch erst nach der Bergung sagen. Nach dem einstimmenden Porsche-Talk bei Kaffee und Gipfeli machen sich die Bergungs-Taucher an die Arbeit. Dank der Unterwasserkamera des Bergungsschiffs wird das Manöver in die Einsatzzentrale auf der Kon-Tiki übertragen.

Die Tauchsportgruppe Poseidon im Einsatz

Einige professionelle Handgriffe in acht Metern Tiefe später und der Lastkran hievt einen von Muscheln und Algen überwucherten, mitleiderregenden Klumpen Blech aus dem dunkelgrünen Wasser des Vierwaldstättersees.

Bei der Tauchsportgruppe Poseidon sitzt jeder Handgriff
Der Porsche 356 wird an Bord gehievt

Aus dem zerfetzten Rücksitzpolster zieht ein modriger Geruch in die Nase. An vielen Stellen bläht sich der Lack wie Luftpolsterfolie. Die Beulen platzen ähnlich schön, stossen aber einen noch fauligeren Geruch aus, als das matschige Polster. Man lässt es besser. Das Wrack ist über die Jahre Teil des Sees geworden. Nur die noch immer erkennbar rote Lackierung und der weisse Streifen, der frech über Motorhaube und Dach des Coupés gemalt worden war, erinnern noch an glorreiche Tage des Ur-Porsche. Ein vor-A – jetzt ist sich Baumann sicher. Die Merkmale sind eindeutig, auch wenn viele Teile ausgebaut worden waren, bevor der geschichtsträchtige Porsche offenbar rücksichtslos versenkt wurde.

Frank Baumann neben dem geborgenen Wrack des Porsche 356 vor-A

Während sich die Mannschaft am kräftigen chili con carne der Einsatzleiterin Yvonne Isler-Wyss stärkt, setzt die Kon-Tiki die Fahrt in Richtung Hergiswil fort. Dort soll das rätselhafte Objekt der Staatsanwaltschaft für weitere Abklärungen übergeben werden. Auf der Laderampe des Tauchschiffs wird derweil wild über mögliche Motive für das Versenken spekuliert. Ein Unfall kann es nicht gewesen sein. Ein Tötungsdelikt? Wohl kaum – wozu hätte man dann den Motor ausbauen sollen? Am logischsten erscheint allen der Versicherungsbetrug:

Hier wollte wohl jemand doppelt kassieren. Brauchbares ausbauen, verkaufen und den Rest versenken und als Diebstahl bei der Versicherung anmelden.

tönt es aus der Runde. Gut möglich. Die Behörden werden dem Fall nun nachgehen. Über die Chassisnummer soll zunächst herausgefunden werden, wem das Coupé zuletzt gehörte. Ob sich das Rätsel nach all den Jahren noch lüften lässt, ist allerdings fraglich.

Wir sind gespannt und bleiben dran.

Bergung des Porsche 356 vor-A. Zum Fotoalbum.

 

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