«Wir arbeiten mit Unfallfotos», warnt der Moderator zu Beginn des Workshops. Wer ein Bild nicht ertrage, weil er eine Situation wiedererkenne, könne auch hinausgehen an die frische Luft: «Oder wir diskutieren hier drinnen das Passierte alle gemeinsam.» Es komme immer wieder vor, dass Leute im Kurs mit dabei seien, die selbst schon von einem Unfall betroffen waren. «Es gehört zur Vorbereitung, dass ich das weiss», sagt Serkan, der seit bald sieben Jahren als Moderator für RoadCross Schweiz tätig ist, «dann kann ich Bilder, die dem Erlebten zu nahekommen, vorher aus der Präsentation nehmen.» 

Dabei leben die Workshops, welche die fünfzehn Moderatorinnen und Moderatoren im Rahmen der Präventionsarbeit von RoadCross Schweiz in der ganzen Schweiz durchführen (siehe Box), davon, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von selber Erlebtem erzählen, dass sie schildern, was passiert ist und was sie beschäftigt. Den präventiven Gedanken dahinter erklärt Serkan folgendermassen: «Unsere langjährige Erfahrung zeigt uns, dass wenn es anhand von Unfallbeispielen gelingt, einen persönlichen emotionalen Bezug herzustellen, dies bei den Jugendlichen einen Reflektionsprozess über das eigene Fehlverhalten auslöst. Dieser Prozess wirkt stärker und nachhaltiger als das abstrakte Vermitteln des Risikos zu verunfallen oder als eine Schockprävention.» 

Das allerdings passiert nicht einfach so. Die Zurückhaltung und Unsicherheit, die viele in die Workshops mitbringen, stehen der gewünschten Offenheit zu Beginn oftmals im Weg. Das Eis muss zuerst gebrochen sein. Das geht am besten mit Humor. «Ich will, dass wir lachen können in unseren Kursen», sagt Serkan, «so viel als möglich.» Trotz des schweren Themas? «Gerade wegen des schweren Themas.» Allerdings brauche es dazu viel Fingerspitzengefühl: «Es ist eine Gratwanderung, die wir zusammen machen. Einerseits humorvoll-lustig und andererseits emotional-betroffen – das schliesst sich nicht aus, aber es muss zusammenpassen.» 

Junge Erwachsene sind vermehrt von schweren Unfällen betroffen 

Seit den 1970er Jahren sinkt die Anzahl Unfälle mit Personen auf Schweizer Strassen. Gab es 1971 noch 1773 Verkehrstote, waren es im letzten Jahr noch 187. Dies entspricht dem tiefsten Stand seit Erfassung der Daten. Verantwortlich dafür ist, neben strengeren Gesetzen und neuen Technologien, auch die geleistete präventive Arbeit. Hoch bleibt aber mit 3’639 die Anzahl der Schwerverletztenwelche sich nach einem Unfall zurück ins Leben kämpfen und möglicherweise mit irreversiblen körperlichen Einschränkungen leben müssen. Gemäss diversen Studien haben dabei die unter 25jährigen das grösste Risiko, von einem schweren Verkehrsunfall betroffen zu sein. 

Grafik aus dem Sinus 2019 der bfu. Junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren sind vermehrt von schweren Unfällen betroffen.

Laut Verkehrspsychologen hängt dieses erhöhte Risiko auch mit den sich enorm verändernden Lebensumständen dieser Altersklasse zusammen. Es wächst die Neugierde am Neuen, sei dies der Ausgang, dem Autofahren, oder dem anderen Geschlecht. Zudem ermöglichen Beruf und Auto oder Motorrad eine rasche Eigenständigkeit, wodurch eine Phase der Unbekümmertheit und das Gefühl von Freiheit die Lebenssituationen bestimmen. Alles scheint möglich. Gefahren werden unterschätzt, eigene Fertigkeiten überschätzt und das Gefährdungspotenzial wird ausgeblendet. 

Weltmeister in falschen Entscheidungen 

Dabei wissen ja eigentlich alle schon alles, wenn es um Verkehrssicherheit geht: «Wie wir unfallfrei durch den Verkehr kommen ist kein Geheimnis», weiss auch Serkan. Weniger klar sei, weshalb es denn trotzdem so häufig zu Verkehrsunfällen komme, gerade mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Antwort darauf ist im Prinzip die wichtigste Botschaft der RoadCross-Moderatoren: «Wir sind Weltmeister darin, falsche Entscheidungen zu treffen.» 

YourChoice - Mit Kursen und Kampagnen für mehr Sicherheit

Mit einer breiten Palette von Präventionsangeboten engagiert sich RoadCross Schweiz für mehr Sicherheit im Strassenverkehr. Fünfzehn Moderatorinnen und Moderatoren tragen das Thema mit Workshops in der ganzen Schweiz in BerufsMittelschulen und Gymnasien, in Unternehmen und Freizeitvereine. Im regen Austausch mit den Jugendlichen diskutieren sie persönliche Erfahrungen und Einsichten rund um die Risiken im Strassenverkehr. Ein spezifisches Coaching-Angebot richtet sich an Berufschauffeure mit dem Ziel, festgefahrene Verhaltensmuster bewusst zu hinterfragen. Die Kurse werden vom nationalen Fonds für Verkehrssicherheit und den Schulen finanziert und sind kostenlos für die Teilnehmenden. Sie können per EMail gebucht werdenIm Internet schliesslich bietet RoadCross Schweiz Interessierten eine ganze Reihe von interaktiven Videos und Spielen als Training für sicheres Verkehrsverhalten 

Dabei spielen der Moment und die ganz konkrete Situation oft die entscheidende RolleWenn jemand auf dem Weg zum Bewerbungsgespräch ist und voll im Lampenfieber, dann schlägt das oft aufs Verkehrsverhalten durch. Oder wenn’s um frische Liebe geht und schöne Gefühle, dann sind Aufmerksamkeit und Vernunft halt manchmal weit weg. Und wenn das Handy dann noch eine neue WhatsApp-Nachricht meldet …?  

Handys und Social Media allgemein sind ein grosses Thema in den Workshops. Serkan erzählt dann jeweils von sich selbst und dass er als Fussballtrainer regelmässig ein ganzes Juniorenteam im Kleinbus zum Auswärts-Match chauffiert. Er stecke vor der Fahrt sein Handy in die Trainingstasche und verstaue sie im Kofferraum. Beim Fahren wolle er gar nicht erst in Versuchung kommen, sich mit dem Handy zu befassen. «Denn ich wüsste nicht, wie ich einer Familie erklären sollte, dass ihr Junior nicht mehr nach Hause kommt. Weil ich am Handy war.» 

Nicht von oben herab belehren 

In einem eigenen Forschungsprojekt hat RoadCross Schweiz herausgefunden, dass der Austausch über alltagsrelevante Themen in dieser Altersgruppe vorzugsweise unter Gleichaltrigen stattfindet. Es werden Einstellungs- und Verhaltensweisen geteilt und man weist sich gegenseitig auf Fehlverhalten hin. Dies führt zu einer langfristigen Verhaltensänderung. 

So besteht die anspruchsvolle Aufgabe der RoadCross-Moderatorinnen und -Moderatoren auch darin, ihr Publikum zu motivieren, das eigene und oftmals seit Längerem eingespielte Verhalten im Verkehr zur Diskussion zu stellen und gemeinsam zu reflektieren, was richtig und falsch ist. Und wozu  das allenfalls führen kann – «rechtlich und finanziell, aber auch für die eigene Gesundheit und die Psyche», wie Serkan sagt. 

«Wir wollen nicht belehren, schon gar nicht mit erhobenem Mahnfinger und von oben herab», sagt Serkan: «Uns geht es vielmehr darum, auf Augenhöhe mit den Jugendlichen persönliche Eindrücke und Erfahrungen abzuholen, zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Wir machen schnell per Du mit den Jugendlichen und lassen sie von Erlebnissen erzählen, welche sie selber gemacht haben. Und auch ich erzähle von meinen eigenen Erfahrungen.» Zudem sollen den Jugendlichen Optionen aufgezeigt werden, um sich selber zu schützen. Denn ein grosser Beitrag zur Sichherheit im Strassenverkehr leistet die eigene gute Entscheidung. Und diese liegt in der Macht der Verkehrsteilnehmenden. Treu nach dem Motto der RoadCrossVeranstaltung: «YourChoice». 

 

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit RoadCross Schweiz


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Nur nicht ablenken lassen!

 

Titelbild: Ella Mettler

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