Herr Schöni, wieso sind Kinder im Strassenverkehr gefährdet?
Manuel Schöni: Schon von der Körpergrösse her sehen die Kinder nicht so viel wie Erwachsene. Beispielsweise beim Überqueren der Fahrbahn zwischen parkierten Autos. Es fällt ihnen aufgrund des noch nicht fertig entwickelten Wahrnehmungsvermögens und fehlender Erfahrung schwer, Distanzen und Geschwindigkeiten abzuschätzen. Mögliche Konsequenzen auf ihre Handlungen bedenken sie oftmals nicht. Dazu kommt, dass sie ihre Aufmerksamkeit noch nicht auf mehrere Dinge gleichzeitig richten können. Da gerät der Verkehr gerne mal in Vergessenheit – oder wird grundlegend anders wahrgenommen.

Was heisst das?
Sie leben in einer eigenen Welt. Im Spieltrieb wird beispielsweise ein herannahendes Auto nicht als Gefahr empfunden oder es wird insbesondere von jüngeren Kindern gar personalisiert. Die Scheinwerfer des Autos werden dann als Augen interpretiert, welche das Kind beim Überqueren der Strasse sehen. Dass die realen Augen des Fahrers jedoch erheblich wichtiger sind, begreifen sie noch gar nicht.

Wie kann man als Autofahrer Kinder einschätzen?
Verkehrspartner können von Autofahrern im Allgemeinen gut mit der «3-A»-Regel (Alter, Absicht, Aufmerksamkeit) eingeschätzt werden. Das heisst: Einem Kind, das beispielsweise mit seinen Freunden am Strassenrand Ball spielt, muss mit grösster Vorsicht begegnet werden. Denn es kann weder davon ausgegangen werden, dass es seine Aufmerksamkeit auf die Strasse gerichtet hat, noch kann man seine Absicht definitiv erkennen. Also: Immer genügend Abstand halten und bremsbereit sein. Es ist mit allem zu rechnen, insbesondere, wenn Kinder in einer Gruppe oder mit Kickboards unterwegs sind.

Was macht ein Verkehrsinstruktor?

Die Verkehrsinstruktoren wie Manuel Schöni der Kantonspolizei Solothurn bereiten die Kinder auf ihre Teilnahme im Strassenverkehr und einen sicheren Schulweg vor. Sie besuchen regelmässig die Kindergärten und Schulklassen der Unter- und Oberstufe und schulen sie auf ein korrektes und sicheres Verhalten im Strassenverkehr.

Wie erlernen Kinder das korrekte Verhalten im Strassenverkehr?
Grundsätzlich muss sich jeder Mensch zuerst an eine Mobilitätsform gewöhnen und entsprechende Erfahrungen sammeln. Bei jüngeren Kindern wird deshalb der Fokus im Verkehrsunterricht auf das korrekte Verhalten als «Fussgänger» gerichtet. Später dann, erlernen die Kinder mit «fäG» (fahrzeugähnlichen Geräten) und Velos richtig umzugehen und sich korrekt zu verhalten.

Wofür ist diese «Abstufung» gut?
Je «schneller» man im Strassenverkehr unterwegs ist, umso weniger Zeit bleibt für die Erfassung der Umwelt. Dementsprechend haben Fahrzeuglenkende für die Verarbeitung der verkehrsrelevanten Informationen auch weniger Zeit zur Verfügung als Fussgänger. So gesehen ist man als «Anfänger» – egal ob zu Fuss oder mit einem Fahrzeug – eher gefährdet.

Wie können Eltern ihre Kinder auf den Strassenverkehr vorbereiten?
Indem man viel mit den Kindern «trainiert». Es ist von Vorteil, wenn Eltern mit ihren Kindern den neuen Schulweg mehrmals begehen und über «Schlüsselstellen» diskutieren. Das Sprichwort «Übung macht den Meister» gilt sowohl als Fussgänger wie auch beim Velofahren. Wer viel übt und das Fahrrad gut beherrscht, hat im Strassenverkehr mehr freie Ressourcen zum Beobachten und für das Befolgen der Verkehrsregeln. Wichtig dabei ist, dass sich Eltern ihrer Vorbildfunktion bewusst sind. Wenn der Vater oder die Mutter immer bei «Rot» über die Strasse geht oder nie einen Fahrradhelm trägt, werden sich die Kinder kaum anders verhalten. Mit diesem Vorleben sollte so früh wie möglich begonnen werden. Bereits sehr junge Kinder bekommen mehr mit, als man vermutlich denkt.

Ist es nicht sicherer, die Kinder zur Schule zu fahren?
Der Schulweg zu Fuss hat viele positive Aspekte. So wird einerseits die Verkehrskompetenz gefördert, da das Kind Erfahrungen sammeln kann und selber Entscheidungen treffen muss. Dies kommt ihm dann auch später z.B. mit dem Velo zugute. Überdies beugt das zu Fuss gehen dem Bewegungsmangel vor. Nicht zuletzt fördert der gemeinsame Schulweg mit Kameradinnen und Kameraden auch die Sozialkompetenz.

Manuel Schöni, Dienstchef Verkehrsinstruktion der Kantonspolizei Solothurn

Parkierende und wegfahrende Autos im Bereich von Schulen stellen eine weitere Gefahr für die zu Fuss gehenden Kinder dar. Es kann zudem nicht selten beobachtet werden, dass die Kinder in den «Elterntaxis» ungesichert (ohne Sicherheitsgurt) und ohne die erforderliche Kinderrückhaltevorrichtung mitgeführt werden.

Wer trägt die Verantwortung für die Sicherheit des Nachwuchses?
Die Verantwortung tragen alle mit: Die anderen Verkehrsteilnehmer, die für Kinder als Vorbild gesehen werden können; die Autofahrer, die auf die Kinder Rücksicht nehmen. In Bezug auf den Schulweg liegt die Verantwortung hauptsächlich bei den Eltern – und nicht wie oftmals angenommen bei der Schule.

 

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit RoadCross Schweiz und der Kantonspolizei Solothurn

 

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