Ganz ehrlich: Wann haben Sie sich beim Zähneputzen das letzte Mal auf die richtigen Bewegungen konzentriert? Oder sich beim Binden der Schuhe eine Eselsbrücke bauen müssen? Beide Abläufe hat unser Gehirn verinnerlicht und ruft sie wenn immer nötig automatisch ab. Es sind Routinen. Zusammen mit unzähligen anderen Routinen ermöglichen sie uns, dass wir in dieser komplexen Welt überhaupt funktionieren können. Ohne Routinen drohte dem Hirn die permanente Überlastung.

Auch beim Autofahren kommt der Routine eine grosse Bedeutung zu. Auf dem Weg zum Führerschein wird aus blosser Wiederholung irgendwann Übung, aus Übung Routine. Wer jeden Tag im Auto unterwegs ist, lenkt sein Fahrzeug schliesslich fast komplett routiniert – einmalige Wetterverhältnisse und Verkehrssituationen einmal ausgenommen. Kein Wunder herrscht unter Autofahrerinnen und Autofahrern ein fast unumstössliches Mantra: Je mehr Kilometer wir fahren, desto grösser ist unsere Routine beim Autofahren. Je grösser unsere Routine, desto geringer ist unser Unfallrisiko. Eine logische Gleichung könnte man meinen, gestützt von der Statistik: An der Spitze der Unfallverursacher findet sich die Altersgruppe der 18 bis 24-jährigen. 2017 waren in dieser Altersgruppe 128 schwer oder tödlich verletzte Autofahrer zu beklagen, damit ist sie statistisch deutlich übervertreten. Zwar basiert ein grosser Teil der Unfälle auf Übermut und Leichtsinn. Aber fehlende Routine durch mangelnde Fahrpraxis trägt – insbesondere bei leichteren Unfällen – wesentlich zum Unfallrisiko bei.

Die Gleichung mehr Kilometer = mehr Routine beim Autofahren lässt darauf schliessen, dass jedes Plus an Fahrpraxis mit einem Sicherheitsgewinn einhergeht. Grundsätzlich stimmt das auch. Doch wie absolut kann diese Korrelation sein? Wie kann es dann zu selbstverschuldeten Unfällen routinierter Autofahrenden kommen? Wäre es sogar möglich, dass Routine selbst ein gewisses Unfallrisiko birgt? Zeit für eine nähere Betrachtung.

Was ist «Routine»?

Routine lässt sich gemäss Wikipedia als Handlung beschreiben, die durch mehrfaches Wiederholen zur Gewohnheit und wie automatisch nach demselben Reaktionsschema ausgeführt wird. Im Hirn werden Abläufe gespeichert, gleiche Muster wiedererkannt und gleich reproduziert. Dieser Automatismus greift in bestimmten Situationen, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind. Sie kennen das. Kaum auf der Treppe fragen Sie sich, ob sie die Haustüre nun wirklich abgeschlossen haben. Adaptiert auf das Autofahren lassen sich unzählige Beispiele finden. Ob Schalten des Getriebes, Kontrollblicke beim Spurwechsel, Einhalten des Sicherheitsabstands, Tempogestaltung – jede Handlung, die zum Standard-Verhalten gehört, hat das Potenzial, früher oder später zur Routine beim Autofahren zu werden.

Wozu brauchen wir Routinen?

«Denken ist aufwendig!», sagte der Philosoph und Biologe Professor Gerhard Roth von der Universität Bremen kürzlich in einem Interview. «Routinen helfen dem Gehirn, Energie zu sparen und Risiken zu minimieren.» Im Verkehr ist das ein entscheidender Vorteil. So lässt sich Aufmerksamkeit auf wichtige Dinge wie das Verkehrsgeschehen bündeln, während die technischen Aspekte des Fahrens routiniert erledigt werden.

Warum und wann kann Routine beim Autofahren gefährlich sein?

Routine hilft beim Autofahren also, unfallfrei von A nach B zu kommen. Doch es gibt einige Stolpersteine:

  1. Routine und Risiko
    Wer auf unbekannten Strassen unterwegs ist, agiert automatisch vorsichtiger. Anders auf dem täglichen Weg zur Arbeit: Da die Strecke vertraut ist, erliegt man leicht der Illusion, von nichts überrascht werden zu können. Das verleitet zu Fehlverhalten. Wer beispielsweise beim Fahren ab und zu einen Blick aufs Smartphone wirft, wird dies auf gewohnten Strecken eher tun als auf einer kurvenreichen Passfahrt. Auch Geschwindigkeitsüberschreitungen werden auf bekannten Strassen eher begangen. Da wundert es nicht, dass Forschern zufolge das Unfallrisiko in der Nähe der eigenen Haustür besonders gross ist.
  2. Routine und Ablenkung
    Aus Routine wird über kurz oder lang Gewohnheit. Und wo Gewohnheit ist, ist Langeweile oft nicht fern. Auch Autofahren kann langweilen – man denke nur an das langsame Vorwärtskommen im Stadtverkehr oder die Monotonie einer Autobahn. Doch wer sich langweilt, ist versucht, sich abzulenken. Sei dies mit einem Telefongespräch, mit Gedanken an die anstehenden Ferien, mit Nahrungsaufnahme oder mit einem Blick in die frühlingshafte Landschaft. Leider lässt sich die Aufmerksamkeit des Menschen nicht beliebig vervielfachen wie die Untersuchungen von Professorin Nilli Lavie am University College London zeigen . Will heissen: Konkurriert die Handlung «Autofahren» mit einem neuen Impuls, lassen wir ihr automatisch weniger Aufmerksamkeit zukommen. Und gefährden so uns und andere.
  3. Routine und Konzentration
    In Routinesituationen schalten Körper und Geist auf Sparmodus. Wozu volle Leistung erbringen, wenn scheinbare Standardsituationen mit weniger Konzentration bewältigt werden können? Das Problem: Verkehr besteht nur vermeintlich aus Standardsituationen. Dafür ist er zu dynamisch. Jederzeit und überall kann das Unerwartete eintreten. Wer also unbewusst und nur halb konzentriert unterwegs ist, wird schneller in einen Unfall verwickelt.
  4. Falsche Routinen
    Ob falsch gelernt oder über die Jahre hinweg falsch weiterentwickelt: Routiniertes Verhalten ist nicht immer vorbildlich. Es gibt Routine-Drängler, Routine-Auffahrer, Routine-Bei-Gelb-Beschleuniger und Routine-Nicht-Einspurer. Dass solche Routinen beim Autofahren zu Unfällen beitragen können, liegt auf der Hand.

Wie vermeiden wir die Routine-Falle?

Damit wir nicht in die Routine-Falle tappen, ist Achtsamkeit gefragt. Wir müssen lernen, unsere Gewohnheiten wahrzunehmen, im Hier und Jetzt voll präsent zu sein. Beispielsweise auf dem Weg zur Arbeit: Achten Sie einmal darauf, wie sich die Verkehrssituationen auf denselben Streckenabschnitten jeden Tag voneinander unterscheiden. Wie jedes Mal andere Verkehrsteilnehmer neu und vielleicht überraschend reagieren. Die Wahrheit ist, dass keine Fahrt wie die andere ist. Seien Sie sich ausserdem bewusst, dass jede ablenkende Handlung (und dazu gehört auch das Telefonieren mit Freisprechanlage) sich tendenziell negativ auf unsere Fähigkeit auswirkt, in überraschenden Situationen angemessen zu reagieren.

Routine ist im Strassenverkehr Segen und Fluch zugleich. Wir können nicht ohne sie, sollten aber auch nicht blind auf sie vertrauen. Am besten fahren wir deshalb, wenn wir Routine als das betrachten, was sie ist. Eine hilfreiche Stütze, dank der wir dem Verkehrsgeschehen ein Maximum an Aufmerksamkeit zukommen lassen können.


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